Chiles verlorenes Referendum ist (noch) keine Niederlage. Wir sprechen mit Nina Schlosser über die Macht der Eliten, die Gegenstrategien sozialer Bewegungen für das Gutes Leben - und darüber, was Rohstoffe für deutsche Elektroautos mit all dem zu tun haben.
Am 4. September haben die Chilen:innen gewählt - sie stimmten mehrheitlich gegen den Entwurf der bis dato wohl progressivsten Verfassung der Welt. Noch in der Wahlnacht kündigte Präsident Gabriel Boric einen neuen konstitutionellen Prozess an. Ein breites Bündnis sozialer Bewegungen steht bereit, weiter für die Ersetzung der gültigen Verfassung zu streiten, die noch aus der Zeit der Militärdiktatur stammt. Sie stellt wirtschaftliche Interessen vor die Sicherung sozialer, politischer und kultureller Rechte und begünstigt dadurch vor allem die Eliten des Landes. Ihnen gehören unter anderem die Medien, mit deren Hilfe Fake News und Ängste gegen den neuen Verfassungsentwurf gestreut wurden. Das aus linker Sicht enttäuschende Ergebnis der Abstimmung lässt sich jedoch nicht nur mit der gut finanzierten Kampagne der Superreichen erklären.
Während im Zentrum des Landes noch für die Rechte der Natur gekämpft wird, leidet das Ökosystem im Norden des Landes schon heute. Im Salar de Atacama, wo die weltweit größten Lithiumreserven lagern, wurde der Abbau aufgrund der ständig wachsenden Bedarfe der Batterieproduktion und auch für das vermeintlich ökologische Gewissen der deutschen SUV-Fahrer:innen noch mal um ein Vielfaches gesteigert. Dabei verbraucht die Metallproduktion in der trockensten Wüste der Welt nicht nur enorme Mengen Wasser, sondern findet zudem auf indigenen Territorien statt. Dagegen regt sich in Zeiten des sich weltweit ausbreitenden (grünen) Kapitalismus allerdings mittlerweile kein Widerstand mehr.
Über diese und andere Entwicklungen sprechen wir mit Nina Schlosser. Als Mitglied des Graduiertenkollegs Krise und sozial-ökologische Transformation der Rosa-Luxemburg-Stiftung forscht Nina in Wien und Berlin zur Ressourcendimension der Elektro-Automobilität und untersucht dabei den chilenischen Lithiumsektor. Aktuell hält sie sich für Feldforschungen in Santiago auf und kann daher aus erster Hand berichten.
